Da sitzen wir nun. Keine weiss genau, was die andere in diesem Moment denkt. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich schaue in den Himmel und fang an die Sterne zu zählen. Aber ich komme nie besonders weit. Ihre Schönheit, diese leuchtenden Augen lenken mich immer wieder ab. Sie schaut gerade aus, die Lichtung hinunter. Ich versuche ihrem Blick zu folgen, will das gleiche sehn wie sie. Keine Chance, sie bleibt mit ihren wunderschönen klaren Augen nie lange an einem Punkt. Ich weiss nicht, wie lange wir nun schon hier sind und uns anschweigen. Warum sagt sie denn nichts?! Ich lege mir meine Worte im Kopf zurecht, will ein Gespräch beginnen, die Stille durchbrechen. Ich schaue sie an und hole tief Luft. In diesem Moment beginnt sie mir zu erzählen, dass sie schon immer gerne nachts draussen gewesen wäre. Sie würde zu gern das Geheimnis der Dunkelheit verstehn. Ich bin faszinierd von ihrer Wortwahl, wie sie ganz einfach aber präzise von den einzelnen Sternbildern spricht. Ich höre ihr einfach nur zu. Versuche den Klang ihrer Stimme in meinem Kopf einzufangen. Die ganze Zeit über schaut sie mich nicht an. Ich kann den Blick einfach nicht von ihr wenden. Selbst in der dunklen Nacht leuchten ihre Augen in dem intensiven blau. Das ist mir als aller erstes aufgefallen. Diese Augen… Ich kann es nicht erklären. Meine Gedanken sind ganz woanders als sie mich in die Seite knufft. Ich zucke zusammen, fühle mich ertappt. Aber es scheint, als hätte sie nicht registriert, dass ich schon nicht mehr beim Sternbild des Orion war. Sie redet munter weiter. Mittlerweile schaut sie ab und zu in meine Richtung. Wendet den Blick aber ab sobald sich unsere Blicke treffen. Ich kann ihre Unsicherheit ganz genau spüren. Spürt sie etwa auch meine? Ich versuche locker zu wirken, schlage die Beine übereinander und lasse mich langsam rückwärts ins Gras sinken. So hab ich einfach einen besseren Blick auf das, was sie mir gerade erklärt. Ich versuche mich also wieder auf ihre Worte zu konzentrieren. Hin und wieder dreht sie sich zu mir um und schenkt mir ihr bezauberndes Lächeln. Wollte ich mich nicht konzentrieren? Schon wieder vorbei. Ich starre auf ihren Rücken, wie er sich immer leicht bewegt wenn sie atmet. Was hat diese Frau nur mit mir gemacht? Ich fühle mich wie auf Wolke 7, spüre die Schmetterling in meinem Bauch umherschwirren sobald ich an sie denke. Ich kann mich gar nicht erinnern wann ich das letzte Mal so gefühlt habe.
Plötzlich zucke ich wieder zusammen. Warum war ihr Gesicht so nah vor meinem? Ich weiss nicht so Recht, wo ich hinschauen soll. Will sie mich etwa küssen? Sie muss die Verwirrung in meinem Blick erkannt haben und zieht ihr Gesicht wieder weg von meinem, wendet sich sogar ganz ab von mir. Ich versteh die Welt nicht mehr. Die Schmetterlinge in meinem Bauch fahren wie auf einer Achterbahn. Ich setze mich wieder auf, berühre sie dabei unabsichtlich. Diesmal zuckt sie zusammen, schaut mich aber nicht an. Und da ist sie schon wieder, diese Unsicherheit. Ich würde so gern ihr Gesicht in meine Hände nehmen und ihr einen sanften Kuss geben. Aber ich bin wie immer ziemlich feige.
So kann es doch nicht weitergehn. Ich versuche mich wieder zu ordnen, versuche meinen Gedanken eine Richtung zu geben. Dann, wie von alleine bewegt sich mein Arm näher zu ihr. Meine Hand sucht ihre und greift danach. Ihre Hand ist warm und weich. Sie übt leichten Druck auf meine Hand aus, sie mag es also, wenn ich sie anfasse. Den Schmetterlingen in meinem Bauch wird schon richtig schlecht von den ganzen Loopings, die sie in diesem Augenblick fahren müssen. Das ist mir aber eigentlich ziemlich egal in diesem Moment.
Keine von uns traut diesen wunderbaren Moment durch Worte zu zerstören. So halten wir uns an der Hand und schauen einfach nur in den Himmel, betrachten die Sterne, wie sie funkeln. Ich hätte ewig so mit ihr zusammen sitzen können, wenn da nicht ihre Eltern wären, die auf sie warten. Es ist schon nach eins. Sie weiss, dass es wieder Ärger gibt. Ich schaue sie an und sie nickt nur wortlos. Wir stehen auf und gehen zurück zum Auto. Wieder endloses Schweigen, die ganze Fahrt über. Ich darf sie nicht bis vor die Tür fahren, sie hat Angst, dass ihre Eltern etwas ahnen könnten. Ich halte an der gleichen Ecke, wo ich sie auch abgeholt hab. Wir schauen uns an. Während der ganzen Fahrt hatte ich ihre Hand nicht losgelassen. Sie öffnet die Tür und will gehn. Ich zieh sie an ihrer Hand zurück ins Auto und gebe ihr einen sanften Kuss. Ihre Lippen schmecken süss, wie Honig. Sie lässt meine Hand los, schaut mich noch einmal an und steigt dann wortlos aus. Ich aber bleib verwirrt in meinem Auto sitzen. Was hatte das alles zu bedeuten? Ich weiss nicht, was ich denken soll. Ich drehe den Schlüssel um und fahre wie in Trance nach Hause. Ich lege mich in mein Bett, die Bilder des Abends immernoch vor meinem geistigen Auge. Das letzte woran ich mich erinnern kann bevor ich einschlief war der Geschmack ihrer Lippen auf den meinen…
